Immer mehr Menschen vermuten, an ADHS zu leiden, was durch Prominente und die Zunahme von Online-Selbsttests deutlich wird. Die Rolle von TikTok-Videos bei dieser Entwicklung ist besonders prägnant.
Auf TikTok verbreitete Videos über ADHS enthalten oft fehlerhafte Informationen, wie eine Untersuchung zeigt. Eine Analyse der fast 100 populärsten TikTok-Videos zum Thema Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ergab, dass ungefähr die Hälfte dieser Videos inkorrekte Informationen beinhalten, so ein Forscherteam im Wissenschaftsjournal „PLOS One“. Jugendliche, die sich selbst als ADHS-Betroffene sehen, neigen dazu, die Verbreitung dieser Störung stark zu überschätzen – eine Annahme, die durch solche Videos verstärkt wird.
ADHS ist eine Störung, die mit einem beeinträchtigten Dopamin-Stoffwechsel im Gehirn zusammenhängt und meistens erblich bedingt ist. Die Störung manifestiert sich durch drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die in verschiedenen Kombinationen und Intensitäten auftreten können. Probleme im Zusammenhang mit ADHS können bereits im frühen Kindesalter auftreten und werden üblicherweise im Alter von fünf bis sechs Jahren deutlich erkennbar.
Medizinische Experten schätzen, dass konstant 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung von ADHS betroffen sind. Obwohl diese Zahl stabil bleibt, scheint das Bewusstsein für diese Erkrankung zu wachsen, was sich auch in einer zunehmenden Zahl von Online-Selbsttests widerspiegelt. Viele Menschen informieren sich hauptsächlich über soziale Medien wie TikTok, wo #ADHD zu den zehn meistgenutzten gesundheitsbezogenen Hashtags zählt.
Die von Vasileia Karasavva von der University of British Columbia in Vancouver durchgeführte Studie nahm 98 besonders populäre TikTok-Videos über ADHS unter die Lupe. Diese Videos waren durchschnittlich 40 Sekunden lang und verzeichneten zusammen fast eine halbe Milliarde Aufrufe, alle in englischer Sprache. Die Hälfte der Video-Ersteller bot Produkte wie Arbeitsbücher, Fidget Spinner oder Coaching-Dienste zum Kauf an oder bat um Spenden – nicht eingerechnet die subtile Werbung.
Oft irreführend, selten hilfreich
Zwei Psychologen bewerteten die inhaltliche Richtigkeit der Videos. Sie fanden, dass 52 Prozent der Videos irreführend und nur 21 Prozent tatsächlich nützlich waren – kein einziges Video wurde als uneingeschränkt empfehlenswert eingestuft. 92 der 98 Videos konzentrierten sich ausschließlich auf ADHS-Symptome mit Aussagen wie „Mein ADHS bringt mich dazu, dies zu tun“, ohne Therapiemöglichkeiten zu erwähnen. Mehr als die Hälfte der Symptomangaben wurde von den Psychologen als nicht auf ADHS zurückführbar betrachtet; sie spiegelten eher normale menschliche Erfahrungen wider oder waren typisch für andere Störungen.
Behandlungsoptionen, die in den Videos genannt wurden, basierten meist auf persönlichen Erfahrungen. „Anekdoten und persönliche Erfahrungen können sehr einflussreich sein, aber ohne den richtigen Kontext können sie zu Missverständnissen über ADHS und psychische Gesundheit im Allgemeinen führen“, erklärte Karasavva.
ADHS-Prävalenz wird um das Zehnfache überschätzt
In einem weiteren Experiment wurden über 800 Studenten zwischen 18 und 25 Jahren, sowohl mit als auch ohne offizielle oder selbst diagnostizierte ADHS, die fünf besten und schlechtesten Videos aus der ersten Analyse gezeigt. Generell wurden die besseren Videos auch besser bewertet. Auffällig war, dass die geschätzte ADHS-Prävalenz in der Bevölkerung mit etwa 33 Prozent extrem hoch angesetzt wurde, besonders bei Personen mit selbst diagnostizierter ADHS, die durch die Videos in ihrer Annahme, ADHS zu haben, bestärkt wurden.
Soziale Medien spielen eine zentrale Rolle als Informationsquelle zu Gesundheitsthemen, sagte Kathrin Karsay von der Universität Wien, die nicht an der Studie beteiligt war. Die Algorithmen bevorzugen jedoch besonders unterhaltsame oder emotionalisierende Beiträge, die viel Interaktion generieren. Dass Symptome nicht korrekt oder überzeichnet dargestellt werden, sei daher nicht überraschend und finde sich auch bei anderen Krankheitsbildern wie dem Tourette-Syndrom oder Prostatakrebs.
Verharmlosende Darstellung
„Auf TikTok wird ADHS oft als quirlige, liebenswerte und fast schon unterhaltsame Störung präsentiert – eine ’süße Störung‘, die in kurzen, humorvollen Clips inszeniert wird“, so Karsay. Viele Inhalte zeigen Alltagssituationen und setzen auf unterhaltsame Erzählweisen, was zu einem positiven, teilweise auch verharmlosenden und romantisierenden Bild der Erkrankung führt.
Positiv ist, dass junge Erwachsene die Inhalte offenbar kritisch reflektieren und von Experten als schlecht bewertete Videos im Durchschnitt ebenfalls schlechter bewerten, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Paula Stehr von der Universität Augsburg, die ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war. Besorgniserregend ist jedoch, dass oft falsche Symptome angegeben werden und es kaum Hinweise zum Umgang mit ADHS gibt.
Mehr Fachleute auf TikTok wären wünschenswert
„Um den hohen Informationsbedarf von Betroffenen zu decken, müssen fundierte Inhalte leicht zugänglich sein“, so Stehr. Auf Plattformen wie TikTok wären mehr Beiträge von Fachleuten wünschenswert, um Informationen dort bereitzustellen, wo sich junge Erwachsene in ihrem Mediennutzungsalltag aufhalten. Derzeit sind für zuverlässige Informationen vor allem geprüfte Plattformen wie ‚gesundheitsinformation.de‘ zu empfehlen.“
Ähnliche Artikel
- USA stoppt TikTok kurzzeitig: Bluesky und X führen Video-Feeds ein!
- Umfrage enthüllt: TikTok-Nutzer sehen Außenpolitik anders!
- LKA-Chef schlägt Alarm: Zunehmende Selbstradikalisierung auf TikTok!
- Geheimfunktion Ihrer Waschmaschine: Waschen Sie immer noch falsch?
- TikTok in den USA wieder online – Kongress droht mit Konsequenzen!

Experte für Popkultur und Filmfan, erkundet Max Jäger die Welt der Unterhaltung mit neugierigem und lockerem Blick. Er teilt gerne die Geschichten hinter den Stars und entschlüsselt die Trends, die die Medienlandschaft prägen.





