Das Internet erscheint oft als ein eigensinniger, umfassender Organismus, in dem wir Menschen die einzelnen Zellen darstellen. Doch einige behaupten, dass das Netzwerk bereits seinen Geist aufgegeben hat.
Das World Wide Web verbindet weltweit Computer, Smartphones und Tablets. Hinter vielen dieser Geräte vermutet man Menschen. Doch zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer erklären das Internet bereits für „tot“.
Damit ist gemeint, dass auf sozialen Netzwerken, in Foren oder auf anderen Plattformen immer mehr Interaktionen durch Bots und Künstliche Intelligenzen gesteuert werden.
Doch ist die Dead Internet Theory nur eine abwegige Verschwörungstheorie oder eine düstere Realität?
Der Kern der Dead Internet Theory
Jeder Internetnutzer sollte wissen: Es gibt viele Bots im Netz – Abkürzung für Roboter. Diese Programme erledigen nützliche Aufgaben, wie das Indizieren von Webseiten durch Suchmaschinen oder das Unterstützen bei Hausaufgaben durch Chatbots.
Schlechte Bots verschicken jedoch Spam, erstellen gefälschte Kommentare oder beeinflussen die öffentliche Meinung durch gefälschte soziale Medienbeiträge. In einigen Fällen kaufen Influencer Klicks von Bots, um mehr Engagement vorzutäuschen.
Laut der Dead Internet Theory besteht seit etwa 2017 der Großteil des Internetverkehrs aus solchen Programmen oder von künstlicher Intelligenz erzeugten Inhalten, was sehr bedenklich wäre.
Wo ist die echte Internetkultur geblieben, mit der wir aufgewachsen sind? Viele Menschen fühlen sich durch gefälschte Inhalte getäuscht, besonders seit dem Aufkommen von KI-Technologien wie ChatGPT.
Der Gedanke, dass Maschinen und Programme unser Leben bestimmen, ist beunruhigend. Verschwörungstheoretiker behaupten sogar, dass dies Teil einer gezielten Aktion mächtiger Akteure ist, um die Menschheit zu kontrollieren.
Experten sehen das jedoch als übertrieben an. Während es berechtigte Sorgen über schädlichen Bot-Traffic gibt, fehlen Beweise für eine umfassende Theorie eines „toten“ Internets, das fast ausschließlich von Programmen dominiert wird.
Wie viele Bots gibt es wirklich im Internet?
Anstelle von anekdotischer Evidenz und einem unguten Gefühl liefert die Firma Imperva jedes Jahr eine detaillierte Analyse namens Bad Bot Report. Für 2024 ergab die Studie Folgendes:
- 37 Prozent des Datenverkehrs wurden durch böse Bots verursacht (+32 Prozent gegenüber 2023)
- 14 Prozent des Verkehrs stammten von guten Bots
- 49 Prozent des Traffics waren menschlicher Natur
Das heißt, fast die Hälfte des gesamten Datenverkehrs wurde nicht von Menschen erzeugt. Unterstützt das also die Dead Internet Theory?
Wie die Entwicklung der letzten 10 Jahre zeigt: Nicht unbedingt. Im Jahr 2014 lag der Anteil menschlicher Interaktionen bei nur 40,9 Prozent und war damit auf einem Tiefstand, während der Traffic durch gute Bots bereits sehr hoch war.
Dystopische Zukunft: Leben in der Matrix
Zwischen 2015 und 2024 ist der Anteil böser Bots von 18,6 auf 37 Prozent gestiegen, ein Rekordhoch seit Beginn des Reports. Gleichzeitig werden die schädlichen Programme immer weniger komplex. Interessanterweise richten sich über die Hälfte (53 Prozent) aller bösen Bots gegen die USA, gefolgt von Brasilien und Großbritannien mit jeweils nur 6 Prozent.
Die Angst vor einer allmächtigen künstlichen Intelligenz, die durch den Hype um ChatGPT verstärkt wurde, spielt in die Dead Internet Theory hinein. Timothy Shoup vom Copenhagen Institute for Futures Studies vermutet, dass ein unkontrolliertes GPT3-Modell das Internet „völlig unerkennbar“ machen könnte, und prognostiziert, dass im Jahr 2030 bis zu 99,9 Prozent aller Inhalte KI-generiert sein könnten.
Diese Prognose erscheint mir allerdings übertrieben. Das Internet lebt durch und für Menschen.
Ist das Internet also nun tot oder nicht?
Man kann nicht leugnen, dass politische Akteure das Internet mit Spam-Bots und gefälschten Inhalten überfluten, was dazu führen kann, dass einst beliebte Websites untergehen – wie es mit Twitter geschehen ist, das einst ein Ort der Vernetzung war und nun ein Hort der Propaganda ist.
Eine großangelegte, zentrale Verschwörung, die das globale Netz kontaminiert, erscheint jedoch weit hergeholt und paranoid.
Es gibt viele verschiedene Interessen, und das Internet ist nur das Werkzeug, um diese zu verwirklichen. Die bösen Bots dienen dabei lediglich als Hilfsmittel für diverse Betrügereien, durch die Menschen um ihr Geld gebracht werden.
Dass überall KI-generierte Bilder und Videos zu sehen sind, liegt meiner Meinung nach einfach daran, dass Internetnutzer mit Programmen wie Midjourney oder ChatGPT ein neues spannendes Spielzeug erhalten haben – es ermöglicht mehr Menschen, kreativ zu sein.






